Geschichte des HME
Der aktuelle Vorstand des HME (de jure: ab 23.08.2026, de facto: ab 08.10.2026)
-
Vorsitzender: Gergely Tóth
-
Stellvertretende Vorsitzende: Orsolya Prágay-Szabó
-
Kassenwartin: Elza Maksa
-
Schriftführerin: Éva Judit Turós
-
Weitere Vorstandsmitglieder (Beisitzer):
Orsolya Brandt
Éva Vida-Misik
András WallnerDie Ziele des neuen Vorstands (hier klicken ->): Was der neue HME-Vorstand 2026 will (PDF, auf Ungarisch)
2015 – bis 8. Oktober 2026 (laut offizieller Mitgliederversammlung bis 23. August 2026)
- Annamária Friedrich Ireghy – Vorsitzende
- Borbála Bayour – stellvertretende Vorsitzende, Leiterin der Ungarischen Schule Hamburg (auf Grundlage der vom Amtsgericht nicht anerkannten Mitgliederversammlung vom 11. August 2026)
- Éva Schmees – Buchhaltung, Kasse, KCSP-Mentorin
- Tímea Mazsu – Sekretärin des HME und des BUOD
- Katalin Szőcs – verantwortliche Leiterin der Hamburger Pfadfinder
Vor 2015 …
Eine der Aufgaben des aktuellen Vorstands ist es, auch diesen Teil aufzuarbeiten … coming soon!
Rückblick von Dr. Gyula Hellenbart zum hundertjährigen Bestehen der Vereinigung der Hamburger Ungarn (1908 – 2008)

Dass beim Fest zum hundertjährigen Bestehen der Alterspräsident die Festrede hält, ist logisch – wir wissen ja, dass sich alte Menschen gut und gern an alte Dinge erinnern. Was sie gestern oder vorgestern gemacht haben, davon haben sie keine Ahnung, aber Szenen von vor vierzig Jahren können sie haargenau rekonstruieren. So geht es auch mir – ehrlich gesagt fällt es aber auch mir sehr schwer, mich bis 1908 zurückzuerinnern … Ich halte also keine Festrede, sondern nur einen schlichten, prosaischen Vortrag. Ich eile durch die Ereignisse von hundert Jahren – oder eher nur der letzten fünfzig –, und auch das nur skizzenhaft und recht subjektiv.
Nun denn, ans Werk.
Nach örtlicher Überlieferung wurde der ungarische Verein in Hamburg von jenen Damen und Herren gegründet, die einst nach Hamburg gekommen waren, um nach Übersee auszuwandern, aus irgendeinem Grund aber schließlich hier blieben. Entweder verpassten sie das Schiff – was recht unwahrscheinlich ist –, oder sie meinten, gar nicht so weit fahren zu müssen, weil sie auch hier ein neues Leben beginnen könnten. Leider haben wir keine Möglichkeit, der Wahrheit nachzugehen: In den Unterlagen über den Verein, die wir gemeinsam mit Ádám Szily in den Archiven des Stadtstaates Hamburg fanden, war von der Gründung nirgends die Rede. Auch die Formulierung des ältesten Protokolls lässt auf eine bereits bestehende Körperschaft schließen. Hinzu kommt, dass der Verein manchen Papieren zufolge schon 1905 bestand, und wir wissen auch nicht, ob der österreichisch-ungarische Verein (denn auch einen solchen gab es) mit ihm identisch war oder nicht. Da wir jedoch eine gerichtliche Urkunde vom 20. Januar 1908 fanden, die die offizielle Eintragung des ungarischen Vereins bezeugt, und weil einst auch auf die Vereinsfahne die Jahreszahl 1908 mit Goldfaden gestickt wurde, sind wir dabei geblieben.
Aus dem ersten, vorschriftsmäßig bei der Polizeibehörde eingereichten Protokoll geht hervor, dass der erste Vorsitzende des Vereins ein Patentanwalt namens Gusztáv Weber war, der in der Großen Burstah 29 wohnte und – wie ein Zeitungsartikel unbekannter Herkunft aus dem Jahr 1931 berichtete – dieses Amt 37 Jahre lang ununterbrochen innehatte. (Wenn das stimmt, ist die Gründung 1908 natürlich nicht zu halten; nehmen wir aber an, dass der Verein ein paar Jahre lang nur ein lockerer Zusammenschluss war, etwa ein ungarischer Stammtisch mit Weber am Kopf der Tafel. Und auf das Wort „Stammtisch“ sind wir in den Papieren tatsächlich gestoßen.) Von bemerkenswerter Kontinuität zeugt die Tatsache, dass die Paragrafen der Vereinssatzung von vor hundert Jahren in Reihenfolge und Inhalt – von kleineren Abweichungen abgesehen – bis heute gültig geblieben sind. Der derzeit gültige Text stammt vom November 1940 und wurde 1991 – dank der Bemühungen des Vorsitzenden Dr. György Reisinger – um die Bestimmung zur Gemeinnützigkeit ergänzt.
Neben Weber gab es noch einen weiteren Vorsitzenden, der das Amt offenbar als Ehrenrang führte, denn von Beruf war er 1907 Generalkonsul der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in Hamburg. Während Gusztáv Weber laut Protokoll das Amt des Ersten Vorsitzenden innehatte, erscheint dieser Herr, Graf Hugo Logothetti, dort als Präsident. Er war k. u. k. Kämmerer und Berufsdiplomat und hatte dieses Amt zuvor in Mailand und Barcelona bekleidet. Seine Hamburger Adresse: Schlüterstraße 2. Er wurde 1852 in Klausenburg (Kolozsvár) als Sohn des Gutsbesitzers Wladimir Logothetti geboren. Seine Mutter war die ebenfalls aus Klausenburg stammende Karolina Nemes von Hidvég und Oltszeg. Hugo starb 1918 im Alter von 52 Jahren in Teheran, wo er ebenfalls Konsul war und sich unter anderem um österreichisch-ungarische Soldaten verdient gemacht hatte, die aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Persien geflohen waren. Offiziell starb er an einer Krankheit; tatsächlich aber wurde er, wie ich von seinem in Wien lebenden Enkel erfuhr, vom britischen Geheimdienst vergiftet. Die Familie seiner Mutter, also die Familie Nemes von Hidvég und Oltszeg, ist für uns dagegen deshalb interessant, weil sie durch mehrfache verwandtschaftliche Beziehungen im 18. Jahrhundert mit dem siebenbürgischen Hochadel verbunden ist, unter anderem mit der Familie Wass von Czege.
Eine Nachfahrin dieser Familie mütterlicherseits war auch die Hamburger Patriziertochter Eva Siemers, die 1935 mit 21 Jahren den Schriftsteller Albert Wass heiratete und mit ihm auf das siebenbürgische Familiengut in Válaszút zog. Bei Kriegsende kehrte sie nach Hamburg zurück, wo sie bald ein tätiges Mitglied des ungarischen Vereins wurde, den sie aus ihrer Kindheit und frühen Jugend gut kannte. Einige von uns haben sie noch persönlich gekannt – als stellvertretende Vorsitzende, als Fahnenpatin und als liebenswerten Menschen. Von ihr wissen wir unter anderem, dass die Vereinigung der Hamburger Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg ihre Blütezeit erlebte und mit glanzvollen Bällen im Curiohaus berühmt wurde.
Was die erwähnte „Gründungslegende“ betrifft – ob wir sie nun annehmen oder nicht –, so viel ist sicher: Die Lage der später hierher verschlagenen Ungarn, also derer, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg und nach der Niederschlagung des Freiheitskampfes von 1956 in Hamburg niederließen, war eine völlig andere als die der Amerika-Auswanderer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Schon deshalb, weil sie von vornherein hierher kamen. Um 1900 versuchten vor allem arme Bauern, sich in Übersee eine neue Existenz aufzubauen. Sie waren keine politischen Flüchtlinge. Umso mehr waren es die bei Kriegsende ausgesiedelten Angehörigen der Armee und Staatsbeamten und danach jene, die 1947/48 vor der Sowjetisierung in den Westen emigrierten. Das Schicksal dieser beiden Gruppen war das schwerste: Sie kamen in ein verwüstetes Land, gleichzeitig mit Millionen Deutschen, die aus dem Osten flohen. Umso glücklicher konnten sich die Zehntausende schätzen, die nach der Revolution nach Deutschland flüchteten, einzeln in die weite Welt aufbrachen und oft nicht einmal wussten, wo sie landen würden: Sie ließen die verschiedenen sozialen und karitativen Organisationen und einzelne Helfer für ihre Unterbringung und Versorgung sorgen. Und diese sorgten auch dafür. Über diese Organisationen und vor allem über die großzügig spendende Bevölkerung der Stadt Hamburg können wir nur mit Dankbarkeit und Anerkennung sprechen.
In Hamburg entstanden also keine ungarischen Straßen wie einst in Detroit oder Cleveland; hier führte der Weg aus dem Flüchtlingslager meist in Untermietzimmer oder Studentenwohnheime. Doch die Bitternisse des Emigrantendaseins und die komplizierten Aufgaben des Existenzaufbaus sorgten dafür, dass die frischgebackenen Hamburger in ihrer Freizeit die Gesellschaft der anderen suchten – man könnte auch sagen: einander an der Hand –, ein wenig wie Hänsel und Gretel im dunklen Wald. Sie suchten sie auch, meist aber nur bei gesellschaftlich und geistig Gleichgesinnten. Gegenüber dem ungarischen Verein hegten, so mein Eindruck, vor allem die Gebildeteren gewisse Vorbehalte, ja Vorurteile. Wohl meinten sie – nicht nur in Hamburg, sondern auch anderswo –, wer in irgendwelche Diaspora-Vereine gehe, habe offensichtlich keine andere Gesellschaft, könne sich in die neue Umgebung nicht integrieren und stottere nur Deutsch, sei also eher bedauernswert als interessant – ganz zu schweigen davon, dass die Flüchtlinge von 1944/45, die den Kern der Mitgliedschaft der alten Vereine bildeten, mit ihrer überholten gesellschaftlichen und politischen Werteordnung auf die jungen 56er wie Urzeitwesen wirkten. Und es sei angemerkt, dass nach damaliger deutscher Schätzung 90 Prozent der 56er junge Männer waren. Was im Übrigen die Alten betrifft, so stellte ein sarkastisches geflügeltes Wort jener Zeit über diese Menschen, die die Bitterkeit der Heimatlosigkeit, des Abstiegs und der Deklassierung erlitten – Offiziere, Beamte, Schriftsteller, Schauspieler, Juristen, einstige hochwohlgeborene Herren, die ihr tägliches Brot mit körperlicher Arbeit verdienten –, fest: „In der Emigration sinkt jeder auf sein eigenes Niveau“ …
Natürlich gab es Ausnahmen. Eszter Ilosvay zum Beispiel, die zu den Vereinsveranstaltungen kam, war eine gefeierte Sängerin der Hamburgischen Staatsoper. Außer ihr kann man im Verein jedoch nur Ödön Thrunkwalter, den einstigen Kommandanten der Königlich Ungarischen Flusswacht, als ranghöheren alten Emigranten nennen; er starb 1957 im Alter von 63 Jahren hier in Neugraben. Anfang der sechziger Jahre saß manchmal auch ein kahlköpfiger alter Herr namens Mátyás Feuerstein, auf seinen Stock gestützt, im Haus der Begegnung, das dem Verein ein Zuhause bot; er war zwar keine VIP, galt aber als Gründungsmitglied des Vereins. Ich selbst habe ihn nur ein- oder zweimal gesehen, bald blieb er den Treffen fern, denn wie ich kürzlich von einem alten Mitglied, dem 92-jährigen Károly Csendes (dem eigentlichen Alterspräsidenten), erfuhr, konnte er sich mit dem „neuen Publikum“ nicht anfreunden. Das erwähnte Haus der Begegnung – eine elegante Villa in der Agnesstraße 44 – wurde 1958 von Radio Free Europe gegründet, vor allem als Treffpunkt und Informationsforum für osteuropäische Flüchtlinge. Es bestand bis 1969 und bot vielen jungen Menschen an den Wochenenden eine wohltuende, heimatähnliche Atmosphäre in dieser sehr fremden Welt.
Die alten Emigranten mit ihrem harten Schicksal betrachteten die „Verwöhnung“ der 56er verständlicherweise nicht ganz ohne Neid. Ihnen, wie auch den älteren und sich schwer eingliedernden 56ern, boten in der Regel die seit dem Krieg hier lebenden und in die Strukturen der deutschen Kirchen eingegliederten ungarischen Seelsorger Gelegenheit zum Zusammensein. Die Messen und Gottesdienste mit dem anschließenden geselligen Beisammensein haben – so hoffen wir – manchem von Heimweh geplagten Ungarn geholfen, wieder etwas Halt zu finden. Was für die Katholiken Poppenbüttel mit István Czódor war, das war für die Reformierten Raboisen* mit Károly Jakó (und nicht zuletzt mit der unterstützenden Frau Albert Wass). Mit der Zeit begann sich auch ein Teil derer, die sich grundsätzlich ferngehalten hatten, den Kirchen zuzuwenden, denn es gab schließlich keine andere ungarische Einrichtung, in deren Räumen man gesellige Treffen veranstalten konnte. Und als die Jahre vergingen und aus den Jungen Familienmenschen wurden, konnte man mit den kleinen Kindern zum Nikolausabend des Herrn Pfarrers gehen, wo sich die Kommunikation dann wie von selbst erweiterte.
In den fünfziger Jahren war der Verein mit der materiellen und geistigen Versorgung der 56er beschäftigt. Diese Arbeit leisteten vor allem zwei alte Emigranten gemeinsam, der Vorsitzende Dr. József Fekete und István Czódor. Schriftliche Spuren ihrer Tätigkeit konnte ich nicht finden, doch aus den Erzählungen der damals Zwanzigjährigen geht hervor, dass sie ihre freiwillig übernommene Aufgabe unermüdlich erfüllten. Dabei half übrigens auch ein wohlhabenderer alter Emigrant, der Unternehmer Dr. Gábor Szarka, immer wieder mit. Heute haben die meisten von uns vergessen, wie sehr wir auf ihre Hilfe angewiesen waren. Aus einem weitgehend und traditionell abgeschotteten Land waren wir in eine moderne und reiche westeuropäische Gesellschaft geraten, von der wir rein gar nichts wussten – bzw. was wir wussten, stimmte nicht. Wir mussten nicht nur dringend eine neue Sprache lernen, sondern auch unsere heimischen Prägungen samt und sonders über Bord werfen, was keine leichte Aufgabe ist. Viele kapitulierten auch – in Hamburg sicher weniger als anderswo –, doch es ist eine Tatsache, dass nicht wenige Trost im Alkohol suchten oder nach Ungarn zurückgingen. Wenn sie konnten. Und es gab natürlich auch solche, die kriminell wurden. In Hamburg kennen die Chroniken jedoch nur zwei solche Fälle. Sándor Csík veröffentlicht in seiner sehr sorgfältigen, 2001 erschienenen Magisterarbeit, die auch im Internet zu lesen ist, ausführliche Angaben über die Aufnahme der 56er Flüchtlinge in Hamburg und ihre Probleme.
Bis Anfang der sechziger Jahre war das Einleben in das neue Leben weitgehend gelungen. 1962 meinte Professor Gyula Décsy, der 37-jährige Direktor des Finnisch-Ugrischen Seminars der Universität, man solle die ungarischen Studierenden mobilisieren, um die Arbeit des Vereins etwas aufzufrischen. Auch er war ein 56er Emigrant, der in Budapest Slawistik studiert und an der Universität Göttingen begonnen hatte, sich mit der finnisch-ugrischen Sprachwissenschaft zu befassen. Dort habilitierte er sich auch, und er kam vor allem nach Hamburg, um die Leitung des neu gegründeten Finnisch-Ugrischen Seminars zu übernehmen und zugleich für die Pflege der muttersprachlichen Kultur der zahlreichen ungarischen Studierenden in Hamburg zu sorgen. Seine Berufung ging auf Professor Johansen zurück, einen namhaften Historiker der Hamburger Universität, der an der Universität Tallinn studiert hatte, Estnisch konnte (bekanntlich ebenfalls eine finnisch-ugrische Sprache) und nun die Gelegenheit ergriff, ein Finnisch-Ugrisches Seminar zu gründen. Er war also der eigentliche Gründer, der dann selbst auch estnische Sprachübungen hielt. Zum Lektor für Ungarisch machte er einen seiner Schüler, den aus Großbetschkerek (Nagybecskerek) stammenden, donauschwäbischen vereidigten Gerichtsdolmetscher Hans Thurn, dessen Aufgabe in der ersten Zeit nicht der Ungarischunterricht war, sondern im Gegenteil, den neuen ungarischen Studierenden, die größtenteils kein Wort Deutsch sprachen, Deutsch beizubringen. Daneben trug er auch tüchtig dazu bei, den Studierenden im Alltag Orientierung zu geben, was nach dem Gesagten durchaus nötig war.
Gyula Décsy wurde dann am 4. November 1962 auf einer äußerst stürmisch verlaufenen Wahlversammlung zum Vorsitzenden des Vereins gewählt. Den Sturm löste aus, dass die Werbung, die die 56er und unter ihnen vor allem die Studierenden mobilisierte, sehr erfolgreich gewesen war, und die alte Mitgliedschaft, die sich von lauter wildfremden Gesichtern umgeben sah, fühlte sich von vornherein und zu Recht „eingekreist“. Und als sich nach der Stimmauszählung tatsächlich herausstellte, dass künftig ausschließlich die Kandidaten der neuen Gesellschaft den Verein – ihren Verein – leiten würden, war die Hölle los. Zwischen Menschen, die einander nicht einmal kannten, begannen ein großer Streit und lautes Geschrei, als hätten alle den Verstand verloren. Nur Gyula Décsy saß ruhig und schweigend auf seinem Platz, ließ die Leidenschaften toben, stand dann in einem ruhigeren Moment auf und schlug vor, die Wahl zu wiederholen. Angesichts der verständlichen Empörung einerseits und der Notwendigkeit künftiger Zusammenarbeit der beiden Gruppen andererseits beantragte er, die Kandidaten so aufzustellen, dass der Schneidermeister László Nánássy, ein früherer Vorsitzender, und der seit dem Krieg in Hamburg wirkende István Czódor auf jeden Fall in den Vorstand gelangten. Die Vernunft dieses Vorschlags sahen auch die 56er ein, und so wurde die neue Wahl in kurzer Zeit durchgeführt, genau mit dem gewünschten Ergebnis. Décsy wurde Vorsitzender und Nánássy stellvertretender Vorsitzender. Ich selbst ebnete als Schriftführer des Vereins die Zusammenarbeit zwischen den beiden, was sich als keine schwierige Aufgabe erwies. Und in den folgenden vier Jahren verlief die Vorstandsarbeit auch in größtem Einvernehmen.
Décsy amtierte nur eine Wahlperiode lang; seine wissenschaftliche Arbeit und die Umsetzung seiner fast unablässig aufkommenden neuen Ideen ließen ihm keine Zeit für solche „zivilen“ Tätigkeiten. Was jedoch keineswegs bedeutet, dass er nicht ab und zu ein paar Schritte über die Grenzen der Sprachwissenschaft hinaus gemacht hätte. Nachdem er 1977 auf einen Ruf der Universität Bloomington mit seiner finnischen Frau in die USA gezogen war, ging er unter anderem der Frage nach, woher eigentlich der Name des amerikanischen Imbissgerichts stammt, das auf den Namen Hamburger getauft wurde. Schon früher hatte er sich bei seinen Amerika-Besuchen mit dieser Frage beschäftigt, und so zog er schließlich aus den Ergebnissen von zwanzig Jahren Materialsammlung den Schluss, dass die deutschen und anderen mitteleuropäischen Auswanderer, die um die Jahrhundertwende in Hamburg an Bord gingen, diesem von ihnen so gern verzehrten und seither zum typischen US-Gericht gewordenen Frikadellen-Sandwich seinen Namen gaben. Gyula Décsys Monografie darüber erschien 1984 in Amerika, was natürlich auch die Aufmerksamkeit der Hamburger Presse weckte. Auch ich habe den Lesern des „profil“ über die Geschichte berichtet; einige Kopien des Artikels liegen hier auf dem Tisch.
Nach Décsys Weggang arbeitete der Verein zwar weiter, doch die 56er, die ihre Existenz meist erfolgreich aufgebaut hatten, blieben zunehmend weg, und nachdem das Haus der Begegnung geschlossen worden war, wurde schließlich wieder die katholische Pfarrei in Poppenbüttel zum institutionellen ungarischen Zentrum.
Tatsache ist jedoch, dass neben István Czódor der junge Pfarrer József Bárány, der die katholische Mission leitete, mit wachsendem Gewicht in das Vereinsleben eingriff, und das hatte unerwünschte Folgen. Der Kassenprüfer Gyula Földessy warf 1983 dem Vorstand, der seiner Meinung nach unter übermäßigem kirchlichem Einfluss stand, eine regelwidrige Behandlung der Mitgliedsbeiträge und die Behinderung seiner Prüftätigkeit vor. Zwei Jahre später verklagte ihn der Vorsitzende László Nánássy wegen Verleumdung. Daraus entwickelte sich bald ein sich verschärfender, jahrelanger Streit, dessen Einzelheiten einen eigenen Vortrag erfordern würden, was die Mühe jedoch nicht lohnen würde. Die Wende kam, als es der Opposition gelang, per Gerichtsbeschluss einen Notvorstand ins Amt zu bringen. Dessen Vorsitzende wurde für die vom Gericht festgesetzten drei Jahre die im Dezember 1984 gewählte Zsuzsa Hoffmann-Béres, der es auch gelang, das Vereinsleben in ruhigere Bahnen zu lenken; die verdrängte kirchliche Linie erkannte sie jedoch nicht an. Der Verein spaltete sich, und jahrelang warfen sich zwei (auch politisch gegensätzliche) Gruppen gegenseitig Rechtswidrigkeit vor, bis József Bárány im Mai 1990 von seinen Vorgesetzten auf eigenen Wunsch aus Hamburg versetzt wurde. Daraufhin beschloss István Czódor, im Vereinsleben ein völlig neues Kapitel aufzuschlagen, und bat den allseits hoch geschätzten Facharzt für Orthopädie Dr. György Reisinger, bei der anstehenden Wahlversammlung zu kandidieren. Das geschah auch, und die Versammlung wählte den mit einem klaren Programm auftretenden, sich von allen Parteienstreitigkeiten fernhaltenden Dr. Reisinger. Pfarrer Czódors Plan ging auf; man kann sagen, dass die Vereinigung der Hamburger Ungarn ordnungsgemäß wiedergeboren wurde.
Inzwischen, etwa zehn Jahre vor dieser erfolgreichen Wiederbelebung, hatte unter den Hamburger Ungarn außerhalb des Vereins ein – nennen wir es so – Integrationsprozess eingesetzt. Im Sommer 1979, als nicht mehr nur die 56er, sondern auch die später Gekommenen existenziell festen Boden unter den Füßen spürten und streng genommen auch keine Emigranten mehr waren – hatte doch die sich aufweichende Diktatur in der Heimat eine Amnestie verkündet, immer mehr nutzten die Möglichkeit zur Heimreise, und immer mehr Menschen aus der Heimat konnten den Westen besuchen –, kam also bei einigen modern denkenden Landsleuten der Gedanke an eine neue Art von Zusammenschluss auf. Sie meinten, man sollte auf privater Basis einen ungarischen Freundeskreis schaffen, der sich mehr oder weniger regelmäßig irgendwo treffen würde, um einen Vortrag zu hören und sich ungezwungen und zivil auszutauschen. Sie waren gleichermaßen davon überzeugt, dass sie einander eine Menge zu sagen hätten – jenseits aller Politik, des Kalten Krieges, des Kommunismus und Antikommunismus, jenseits der oft gehörten stereotypen Phrasen dieser und jener Art. Gibt es doch reichlich aktuelle Themen, die gerade wir im Westen lebenden Ungarn zu unserem und der Heimat Wohl sinnvollerweise erörtern sollten.
Diese sofort auf lebhafte Resonanz stoßende Initiative und der daraus entstandene Freundeskreis, der jahrelang ohne jede Satzung, ohne organisatorische und ideologische Zwänge erfolgreich bestand, war der Poppenbütteler Kreis der „Mittwochsleute“, auch „Literarischer Kreis“ oder kurz der Klub genannt. Unsere Referenten kamen nicht nur aus unseren eigenen Reihen, wir luden auch kompetente Personen von außen ein. Im Laufe der Jahre hatten wir viele interessante Referenten; auf mich machte vor allem der Budapester Politologe István Schlett einen tiefen Eindruck, der die damals schon stark keimenden politischen Konflikte in der Heimat mit außergewöhnlichem Scharfsinn und zugleich toleranter Herangehensweise behandelte. Natürlich gab es auch in unserem Kreis Konflikte. Zuerst mit einem von außen kommenden konservativen Emigranten aus dem Umfeld von Nánássy, Dr. Lajos Kazár, der für eine Protestinitiative kanadischer Franziskaner gegen Trianon Geld sammeln wollte, was wir aus mehreren Gründen ablehnten. Später kam es innerhalb unseres Kreises zu einem Zusammenstoß wegen eines in einer westlichen ungarischen Zeitschrift erschienenen Artikels von István Csurka. Da wir kein Tagebuch führten, ist es heute schwer, diese Konflikte genauer in Erinnerung zu rufen, aber vielleicht ist das auch nicht nötig.
Der Mittwochskreis verdankte es Pfarrer István Czódor, dass er einen Treffpunkt hatte: Er stellte uns einen Saal der großzügig ausgebauten Pfarrei zur Verfügung. Obwohl wir keine großen Kirchgänger waren und er sogar ahnte, dass wir eine profane und liberale Gesellschaft waren (er setzte sich auch nie zu uns), unterstützte er uns gern, wie ein Gentleman, weil er geistige Aktivität schätzte, von der es unter den Hamburger Ungarn, die mit ziemlich derben Scharmützeln beschäftigt waren, bis dahin nicht viel gegeben hatte. József Bárány war ein anderer Typ: Einmal, vor Weihnachten, kam er zu uns herein, und obwohl wir eine zu Herzen gehende moderne Weihnachtsnovelle von Károly Szakonyi vorlasen (ich dachte noch, er würde vielleicht angenehm überrascht sein, dass wir ja auch Christen sind), schüttelte er nur verneinend den Kopf, so mache man das nicht … und ließ uns sitzen, ohne zu sagen, wie man es denn machen solle. Offensichtlich stand ihm seine streng schwarz-weiße Sichtweise im Weg, ein Gespräch mit uns zu beginnen.
István Czódor nahm sich zugleich auch der ungarischen Gastarbeiter aus der Vojvodina an, die sich monatlich nach der Sonntagnachmittagsmesse im großen Saal der Pfarrei zum Kaffee trafen und das auch heute noch tun – seit Oktober 2002 allerdings unter der Obhut des ungarischen Seelsorgers Pál Rasztovácz, der jedoch selbst nur noch Gast in Poppenbüttel ist: Der Pfarrer ist Deutscher. Leider gelang es dem Verein nicht, mit dieser Gruppe in engere Beziehung zu treten, höchstens bei der einen oder anderen Tanzveranstaltung mit Musik im Curio-Haus oder anderswo.
Nach dem Reisinger’schen orthopädischen Eingriff, als der Verein quasi wiedergeboren wurde und István Czódor gleichzeitig in den Ruhestand ging, also seine Pfarrei aufgeben musste, entstand eine problematische Lage. Einerseits mussten die Mittwochsleute neue Räume suchen, was auf längere Sicht aussichtslos schien, andererseits strebte Dr. Reisinger danach, den Klub, dem er selbst angehörte, in den Verein „einzugliedern“ und damit dort, seinem Auftrag entsprechend, einen erheblichen Zuwachs an Qualität und Quantität zu erreichen. Ähnliche Überlegungen leiteten auch den Weltbund der Ungarn, der, als er erfuhr, dass in Hamburg eine erfolgreich arbeitende ungarische Gruppe existierte, auf uns zukam. Genauer gesagt: Er bot Ádám Szily brieflich eine Zusammenarbeit an. Wir entschieden jedoch gemeinsam, unsere Unabhängigkeit nicht aufzugeben.
Beide Umstände, das Raumproblem und die Sanierung des Vereins, wirkten in dieselbe Richtung: hin zum Ende der Unabhängigkeit der Mittwochsleute. Dabei war gerade diese Unabhängigkeit nicht zuletzt das Geheimnis des Erfolgs der lockeren Gruppe. Ihre Mitglieder hatten auch keine Lust, sich von dem an verschiedene Verwaltungsvorschriften gebundenen Verein „verschlucken“ zu lassen. Mangels neuer Räume konnten sie den Anschluss am Ende aber doch nicht verweigern. Formal geschah dies im Februar 1993, als auf der Wahlversammlung Ádám Szily, der den Klub vertrat, stellvertretender Vorsitzender wurde. Zwei Jahre später trat dann Dr. Reisinger zurück und überließ die Leitung des Vereins Ádám Szily.
Also dem Klub. Das Verschlucken fand also statt – aber umgekehrt.
Ádám hatte mit seinem Team dieses Amt nicht weniger als acht Jahre inne und übergab es im Frühjahr 2003 an den noch heute amtierenden Vorsitzenden Miklós Kulin und sein junges Team.
Zu Beginn der Szily-Ära, als wir also mangels geeigneter Vereinsräume in einer aussichtslosen Lage waren, bot uns zu unserem Glück Dr. Helmut Greve, der frisch ernannte Honorargeneralkonsul Ungarns, an, in seinem kurz zuvor errichteten Firmensitz in Barmbek – einem Gebäude, das an Monumentalität mit altägyptischen Tempeln wetteifert – zwei eingerichtete Klubräume im Erdgeschoss samt Küche kostenlos zu nutzen. Natürlich griffen wir sofort zu, und seitdem, inzwischen gut zwölf Jahre lang, kommen wir hierher. Hier veranstalten wir unsere Treffen, eigentlich noch immer nach dem Poppenbütteler Urmodell, sofern wir nicht mit der Katholischen Akademie vor einem größeren Hamburger Publikum zusammenarbeiten; hierher laden wir unsere namhaften Gäste aus Ungarn und Deutschland ein, von Péter Esterházy bis Ádám Fischer, von Gergely Prőhle bis György Dalos, ferner Musiker, Tanzgruppen und andere Abgesandte der Ungarn im Karpatenbecken – und darüber hinaus, namentlich aus der Moldau. Der Klausenburger Pianist Boldizsár Csíki und die ebenfalls aus Klausenburg stammende Gruppe Tarisznyás treten bei unseren Veranstaltungen schon fast als „Hausmusiker“ auf. Und die Möglichkeiten der Räume nutzend, feiern wir, essen und trinken, und wenn es sein muss, tanzen und feiern wir auch. Ab und zu gibt es natürlich auch Diskussionen, doch tiefer gehende Konflikte haben wir nicht; die Gefahr einer Spaltung droht uns – toi, toi, toi – nicht, viel eher die des Schrumpfens. Wir sind jedoch zuversichtlich, dass die Kanäle des Nachwuchses in absehbarer Zeit nicht versiegen werden, und bemühen uns auch nach Kräften, das zu verhindern.
Wenn ich meinen skizzenhaften Rückblick auch nicht mit einer rhetorischen Floskel über die „nächsten hundert Jahre“ schließe, so hoffe ich doch, dass wir in Hamburg noch lange ein Dach über dem Kopf haben werden und dass unsere auf diese oder jene Weise in diese Stadt gelangten Landsleute immer die Möglichkeit haben werden, ihre Muttersprache zu pflegen.
* Raboisen: Straßenname aus dem 14. Jahrhundert in der Hamburger Innenstadt. Dort steht (stand?) eine reformierte Kirche.
